Das Kleinod am Grenchenberg erscheint in neuem Glanz

Jahrzehnte lang befand sich das «Schlössli Grenchen» in getrenntem Besitz. Die Investorin Denise Spörri konnte im Jahr 2010 beide Haushälften kaufen und hat mit einem weitsichtigen Umbau ein kleines Schmuckstück erschaffen.

 

Der Ostteil der Villa an der Waldeggstrasse 14 wurde in den Jahren 1914 bis 1915 durch den Architekten Otto Stalder aus Grenchen im Auftrag von Unternehmer Arnold Baumgartner erstellt. Der Anbau im Westen folgte 1932, das Atelier 1933. Beide wurden 1945 in Wohnbereiche umfunktioniert.

 

Arnold Baumgartner (1865– 1950) war Gründer der Uhrenfabrik Baumgartner Frères. Er hat die Firma aufgebaut und zur Blüte gebracht. Nach dem Tod seiner ersten Frau, mit der er drei Kinder hatte, heiratete Baumgartner ein zweites Mal und bekam mit ihr noch ein viertes Kind. Das Wohnhaus in unmittelbarer Nähe der Fabrik wurde für die Familie allmählich zu klein. Der Neubau auf dem Grundstück über der Fabrik sollte als neues Zuhause dienen.

 

Für seine jüngste Tochter Irene realisierte Baumgartner 1932 den Anbau im Westen. Diese war mit dem Künstler Ferdinand Kaus liiert, welchem ein Jahr später ein Atelierhaus auf dem Grundstück gebaut wurde. Kaus und seine Schwiegermutter hatten das Heu nicht auf der gleichen Bühne, was 1945 zum Auszug von Kaus und seiner Frau führte.

 

In der Folge wurde dieser Hausteil von Arnold’s zweiter Tochter und deren Familie bewohnt und ging nach dessen Tod auch in deren Besitz über. Bis zum Verkauf im Jahr 2010 bleibt der Westteil und das Atelier im Besitz der Nachkommen von Arnold Baumgartner.

 

Der Ostteil, also die ursprüngliche Villa, ging nach dem Tod von Arnold 1950 an seine Witwe, die bis zu ihrem eigenen Lebensende 1970 darin wohnte. Ihre Tochter Irene war an der Immobilie nicht interessiert und verkaufte sie an die damals sehr erfolgreiche Firma ihres Vaters Baumgartner Frères. Diese hatte keine Verwendung als Wohnraum und platzierte ihre Abteilung für Maschinensteuerungen, die spätere Biviator AG in den Räumlichkeiten. Die Biviator AG machte sich auf dem Gelände breit und mietete den Anbau und das Atelier als Produktionsräume. Nach dem Konkurs von Baumgartner Frères kaufte die Biviator AG den Ostteil der Villa und residierte darin bis zum erneuten Verkauf an Claudio von Büren im Jahr 2010. Aus familiären gründen musste dieser jedoch nach wenigen Monaten wieder verkaufen.

 

Seit 2010 wurde geplant, gesucht, bewilligt, organisiert, recherchiert und gebaut. Das Resultat ist ein stimmiges Wohnkonzept mit sieben sehr unterschiedlichen Einheiten. Jede Wohnung hat ihren eigenen Charakter und verströmt den Charme der hundertjährigen Geschichte dieses Hauses!

 

 

Die Uhrenfabrik Baumgartner Frères wurde von Arnold Baumgartner (1865– 1950) aufgebaut und zur Blüte gebracht. Der Bau an der Schmelzistrasse ist ein typisches Beispiel einer Industrieliegenschaft mitten im Wohnquartier. Es war nicht nur die am höchsten gelegene Uhrwerkfabrik der Stadt, Arnold Baumgartner brachte die Firma zu beispiellosem Erfolg und trug wesentlich zum Aufschwung der Stadt bei. 1899 als Manufaktur gestartet, wurde 1916 die Familien-AG Baumgartner Frères Grenchen (BFG) gegründet. 1926 trat man der Ebauches SA bei, der Holdinggesellschaft der Schweizer Rohwerkindustrie. Baumgartner war auch Politiker, zuerst in der FDP, dann ab 1933 als Gründer in einer eigenen, nur in der Bürgergemeinde Grenchen aktiven Partei (Bürgerpartei).

Baumgartner Frères war 1974 mit einer Jahresproduktion von 20 Millionen Stück noch die grösste Rohwerkfabrik der Welt für sogenannte Roskopfuhren (günstige, aber robuste Stiftankeruhren). Mit der Massenproduktion von billigen mechanischen Uhren versuchte die Schweiz damals auf die Quarz-Offensive aus Fernost zu reagieren. Leider ohne Erfolg. Die Firma wurde 1982 geschlossen. Heute sind im Industrieareal «City Nord» am Schmelzirain verschiedene KMU eingemietet.